Der im Volksmund bis heute bekannte
Name „Rote Insel“ bezieht sich auf
die politische Orientierung der Arbeiterbevölkerung,
die im 19. Jahrhundert
vor allem mit „roten“ – sprich linken
– Parteien wie der SPD, USPD und
KPD sympathisierte.
Einer Anekdote
zufolge war es dem Schöneberger
Bierverleger Bäcker geschuldet, dass
das damalige Sedanviertel in Rote Insel
umbenannt wurde. So soll dieser
1878 als Kaiser Wilhelm I. nach zwei
Attentaten von einer Kur nach Berlin
zurückkam, die rote Fahne aus seinem
Fenster in der einstigen Sedanstraße
– heute Leberstraße – gehängt haben.
Ein gewagtes politisches Statement in
einer Zeit, als die SPD durch das Sozialistengesetz
verboten war und die
Stadt in einem patriotischen schwarzweiß-roten Fahnenmeer zu Ehren des
Kaisers versank. So wurde der Bäcker
des Landes verwiesen, aber der Kiez
hatte seinen Namen weg. Heute wird
die „Rote Insel“ auch als „Schöneberger
Insel“ bezeichnet.
Berliner Originale mit Insellage - Neuland entdecken rund um den neuen S-Bahnhof
28.04.2008
Durch vier Brücken mit dem Rest der Stadt verbunden, von Bahngleisen umschlossen und mit einem Riesengasometer als eigenem Wahrzeichen versehen: Die „Schöneberger Insel“ ist nicht nur durch ihre Lage etwas Besonderes. Hier stehen das schlichte Geburtshaus der unvergessenen Leinwandgöttin Marlene Dietrich und die pittoreske Königin-Luise-Gedächtniskirche.
Gedenktafel für Marlene DietrichMag sein, dass die Rote Insel – wie der Kiez auch genannt wird – nicht so trendbewusst wie etwa die Gegend um den Winterfeldtplatz ist. Szenecafés und luxuriös ausgebaute Dachgeschosswohnungen sind in dem Kiez eher nicht zu finden. Die Jogger und Spaziergänger im Cheruskerpark sind nicht zum Schaulaufen unterwegs, sondern wollen etwas für ihre Fitness tun. Der Bewegungsdrang der vielen Kinder in der Gegend wird durch zahlreiche Spiel- und Sportplätze inmitten des Häusermeers aufgefangen.
Das Zentrum des Insel-Kiezes bilden die Straßenzüge südlich der Kolonnen- und westlich der Naumannstraße. Die Cherusker-, Goten-, Leber-, Gustav-Müller- und wenige Meter lange Roßbachstraße sowie die Leuthener und Torgauer Straße sind vor allem dem Wohnen vorbehalten. Es gibt alteingesessene Geschäfte in den Erdgeschossen – vom Friseur über den Gemüsehändler bis hin zum Elektromeister. Kinderläden und innovative Geschäftsideen, wie Designer und Heilpraktiker, ergänzen das Angebot.
Und hier geht noch was: Einige kleinere Geschäfte stehen leer oder sind zu Ladenwohnungen umfunktioniert worden. Die Gewerbetreibenden der „Insel“ können nicht ausschließlich auf Laufkundschaft setzen, befindet sich der Kern des Kiezes in einer Randlage. Da gilt es, auf sich aufmerksam zu machen und durch Originalität hervorzustechen. An der Tür eines Geschäftes beispielsweise laden bunte Flyer dazu ein, an einer Pflanzenführung im Naturschutzgebiet des Schöneberger Südgeländes teilzunehmen.
Kino, Kirchen, Einkaufsmöglichkeiten
Programmkino „Xenon“Ihren Großeinkauf erledigen nicht nur die Inselbewohner in der Kaiser-Wilhelm-Passage, in dem sich auch ein Ärztezentrum befindet, und an der pulsierenden Hauptstraße.
Wer den Insel-Kiez noch nicht kennt, wird zuerst vermutlich das Geburtshaus von Marlene Dietrich in der Leberstraße 65 ansteuern. An die Schauspielerin, die ihre Memoiren mit dem Satz „Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin“ überschrieben hat, erinnert zudem ein Wandgemälde im Viertel. Ein Restaurant, das auf ihren populärsten Film „Der blaue Engel“ anspielt, existiert allerdings nicht mehr. Von Dietrichs Geburtshaus sind es nur wenige Meter zum Gustav-Müller-Platz mit der evangelischen Königin-Luise-Gedächtniskirche. Als freistehende Saalkirche erbaut, ist sie mit einer markanten Kuppel versehen.
Zwölf-Apostel-FriedhofEmpfehlenswert ist auch ein Besuch des historischen Zwölf-Apostel-Friedhofs, der über die Kolonnenstraße erreichbar ist. Wegen seiner architektonischen und bildhauerischen Einzelelemente zählt dieser zu den bedeutendsten Begräbnisplätzen Berlins und stellt ein Gartendenkmal dar.
Denn die Gestaltung des Zwölf-Apostel-Friedhofs geht auf einen Entwurf des bekannten königlichen Garteninspektors Carl David Bouché von 1864 zurück. Beigesetzt wurden unter anderem der Schriftsteller Ernst Wichert, der Naturwissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Ludwig Darmstaedter, die Politiker Bernhard von Bülow und Friedrich Naumann sowie der Komponist Moritz Jaffé.
Gigantischer Gasspeicher
Von fast überall zu sehen: der Gasometer, Wahrzeichen der Insel
1993 stillgelegt, hegten die „Insulaner“ stets zwiespältige Gefühle für ihre gigantische Sehenswürdigkeit: Direkte Anwohner beklagten, dass ihnen die Anlage die Sonne raube, andere befürchteten gar eine Explosion des Speichers. Heute ist der Bau ein geschütztes Industriedenkmal und der allgemeine Tenor lautet, dass es erhalten werden soll. Pläne, auf dem Gasometer- Gelände ein europäisches Energiezentrum mit Fortbildungseinrichtung zu errichten, werden von einer Bürgerinitiative (BI) als „Luftnummer“ bezeichnet.
Der engagierte Zusammenschluss von Inselbewohnern befürchtet, dass eine Änderung des Bebauungsplans eine beliebige Nutzung möglich macht. „Das Bezirksamt ist dann verpflichtet, beispielsweise auch ein Einkaufszentrum oder ein Multiplex- Kino zu genehmigen“, warnt die BI auf ihrer Internetseite (www.bi-gasometer.de). Kaufhaus, Bürohochhaus oder Hotel: Die Anwohner sprechen sich gegen die Zerstörung des Gasometers und die Verschattung von rund 500 umliegenden Wohnungen und des „Cheruskerparks“ aus.


v. l. n. r. Akazienstraße; Katholische Königin-Luise-Gedächtniskirche; Kaiser-Wilhelm-PassageDer Einsatz für den Kiez hat auf der „Insel“ Tradition. Beim rechtsradikalen „Kapp- Putsch“ im März 1920 spielte die politisch links orientierte Bevölkerung eine wichtige Rolle. In den 1930er und 1940er Jahren boten die „Insulaner“ dem Nationalsozialismus die Stirn.
Schöneberger Insel
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Text: Claudia Braun
Fotos: David Ulrich




