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Eine ganz besondere Nachtschicht

Wie S-Bahn-Mitarbeiter den Mauerfall und die Zeit danach erlebten

Der ehemalige Triebfahrzeugführer (Tf) Dieter Müller erinnert sich, dass schon zu Dienstbeginn seiner Schicht vom 9. zum 10. November 1989 gegen 21.45 Uhr ein größerer Menschenauflauf vor der Grenzübergangstelle (GÜST) Friedrichstraße versammelt war und – noch vergebens – die vor wenigen Stunden von Günter Schabowski verkündete Reisefreiheit verlangte.

Dieter Müller begann seinen üblichen Dienst, der darin bestand die S-Bahnzüge im Pendelverkehr von Bahnhof Friedrichstraße bis zum Lehrter Bahnhof und zurück zu fahren. Dort übergab er den Zug der BVG, die damals die S-Bahn im Westteil der Stadt betrieb, und übernahm ihn für den Rückweg wieder. Er war also mitten in den historischen Ereignissen und erlebte die Öffnung der Grenze bei der Arbeit. Am Ende von Dieter Müllers Schicht war die Welt eine andere:

 

Wollt Ihr in den Westen?

Dieter Müller in
einem Bericht für die
Seite www.ssb.berlin

„An der GÜST Invalidenstraße versammelten sich immer mehr Menschen, die auch immer lauter wurden. Mit der Aufsicht Lehrter Stadtbahnhof rätselte ich, was da los war. Diese wollte dann nach dem nächsten Zug mal nach unten gehen und nachschauen.

Als er wieder zurückkam, sagte er: ,Die Grenze ist auf, die rennen hier alle kreuz und quer.‘ Die Entlastungsstraße, auf der normalerweise ein Parkverbot bestand, wurde nach und nach in zwei Spuren zugeparkt, so dass irgendwann nichts mehr ging, nur noch Fußgänger kamen durch.

Mit der Aufsicht Lehrter Stadtbahnhof ging ich nach einer weiteren Zugpause hinunter zur Sandkrugbrücke. Ein Zöllner und ein Grenzer befanden sich auf einem Grenzhäuschen, tranken Sekt und unter ihnen liefen die Menschen durch. Wir standen beide da, mit großen Augen, und mussten wieder zurück, da der nächste Zug schon im Bahnhof wartete.

Gegen Mitternacht wurden die Bahnsteige und der Zug immer voller. Ich kam in Friedrichstraße mit meinem Halbzug an und der Bahnsteig war schwarz vor Menschen.

Ich konnte zum Führerstandswechsel nicht mehr nach vorne durch und musste dann seitlich auf der bahnsteigabgewandten Seite des Zuges entlanglaufen. Vorne angekommen, kam ich nicht in den Führerstand hinein.

Also fragte ich die Fahrgäste: ‚Wollt ihr in den Westen?‘ –‚Ja!‘ – ‚Dann müsst ihr mich aber erst rein lassen – sonst fährt hier nichts.‘ Man machte mir Platz und bot mir auch gleich noch an, aus den mitgebrachten Sektflaschen einen Schluck zu nehmen, was ich ablehnte. Ich also rein in den Führerstand, Tür zu und bei der Einfahrt in den Lehrter Stadtbahnhof ist der Bahnsteig wieder schwarz.


Wir fuhren die ganze Nacht

Der BVG-Kollege wollte rein, aber keiner wollte aussteigen. Also holte die Aufsicht einen Stuhl, stellte diesen unter das seitliche Führerstandsfenster, und so kletterte ich raus und der BVGer in den Führerstand rein.

Wir meldeten dann zur BVG, dass es chaotische Zustände sind. Aufgrund von Bauarbeiten auf der westlichen Stadtbahn war es jedoch nicht möglich, den Pendelverkehr aufzulösen. Die nächtliche Betriebspause fiel aus und wir fuhren die ganze Nacht mit dem Halbzug hin und her.

Irgendwann in der Nacht rief ich meine Dienststelle an, um einen zweiten Tf zum Umsetzen anzufordern. Die Mitarbeiter dort konnten sich vorstellen, was gerade abging, da sie Funk und Fernsehen laufen hatten. Man schickte mir dann auch einen zweiten Mann und jeder besetzte dann im Lehrter Stadtbahnhof einen Führerstand, so dass sich der Führerstandswechsel in Friedrichstraße erübrigte. Ich hatte zum Schluss keinen Hut mehr auf, keinen Knopf mehr an der Jacke, ich sah wie ‚Schlumpi‘ aus und war mit Sekt bespritzt von ‚Hacke bis Nacke‘.“

Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin


„Die S-Bahn ist unverzichtbar für Berlins Nahverkehr. Seit dem Mauerfall ist sie wieder Verkehrsmittel aller Berlinerinnen und Berliner.

Dann gab es Rückschläge, für deren Bewältigung Investitionen nötig sind. Dass die S-Bahn sich stabilisiert hat, verdanken wir insbesondere ihrer engagierten Belegschaft. Dafür herzlichen Dank.

Berlin gratuliert seiner S-Bahn zum 90. Geburtstag – zum 100. soll sie noch schneller, bequemer und zuverlässiger sein als heute.“

 

Kommunikation zwischen den Welten

Christian Morgenroth, damals Fachabteilungsleiter Betrieb bei der S-Bahn (im Osten Berlins betrieben von der Deutschen Reichsbahn DR), berichtet von der ersten Zeit nach dem Mauerfall. Kreativität, lösungsorientiertes Handeln und Improvisationstalent waren gefragt, um den Besucheransturm zu bewältigen und die zwei Systeme wieder zu vereinigen:

Christian Morgenroth in
einem Bericht für das
S-Bahn-Museum

„Gerade in den ersten Monaten nach dem Mauerfall ging es immer vorrangig darum, eine Lösung zu finden; formale oder finanzielle Fragen waren nachrangig. Wie die nachfolgenden zwei Beispiele zeigen, galt es, manches praktische Problem zu überwinden. Um den Besucheransturm bewältigen zu können, waren zwischen BVG und DR laufende Absprachen erforderlich. Weil man zu Vorwendezeiten auf strikte Abgrenzung bedacht war, gab es natürlich keine brauchbaren Kommunikationsmittel „zwischen den Welten“.

Es gab eine einzige Telefonverbindung zwischen der Reichsbahn-Oberdispatcherleitung (Odl) und der BVG-Betriebsleitstelle, die vordem nur von ausgewählten Mitarbeitern genutzt werden durfte.

Nun war sie eine begehrte Nachrichtendrehscheibe für alle Beschäftigten, die schnelle Absprachen zu treffen hatten. Selbst die Chefs mussten sich zum Telefonieren in den Raum mit dem Telefonapparat begeben. Erst später konnten weitere Verbindungen eingerichtet werden. Und an moderne Kommunikationsformen wie Telefax oder gar E-Mail war überhaupt noch nicht zu denken.

 

Orientierung ohne Funk

Fahrplanentwürfe wurden per Hand geschrieben und dann auf der Schreibmaschine abgetippt … Da die seit dem 2. Juli 1990 über die Stadtbahn durchgängig verkehrenden Züge von BVG und DR auf unterschiedlichen Funkfrequenzen abgefertigt wurden, hatte man die Aufsichten des jeweiligen Betriebes – also BVG oder S-Bahn DR – mit Funkgeräten der anderen Seite ausgerüstet.

Die Aufsichten mussten sich dann an der Kennzeichnung der Züge orientieren. Das funktionierte nicht immer, deshalb musste schon auch ab und zu die unterschiedliche Farbgebung der Züge herhalten.

Rückblickend war es eine einmalige, sehr aufregende Zeit. Durch die praktische Zusammenarbeit zwischen Ost und West sind viele Vorurteile, aber auch manche Erwartungen abgebaut worden.“

 

Foto: Udo Dittfurth
Text: Claudia Braun