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02.05.2017

"So schwer wie die Besteigung des Himalayas"

S-Bahn finanziert zwei mobile Helfer, die Obdachlosen neue Perspektiven geben

 

Das hat vermutlich jeder schon einmal erlebt: In den öffentlichen Verkehrsmitteln sitzt oder liegt ein Mensch in abgerissener Kleidung, begleitet von einem sehr unangenehmen Geruch, der die meisten anderen Fahrgäste dazu veranlasst, auf dem Absatz kehrt zu machen. „Bislang wussten wir nicht, wie wir diesem Thema entgegentreten sollten“, gibt Jörk Pruss, Leiter Securitymanagement der S-Bahn Berlin, zu. Denn Obdachlose, die in den Zügen und in Bahnhöfen ein wenig Schutz und ein trockenes Plätzchen suchen, einfach nur „zu verweisen“ löse das Problem nicht, so der Sicherheitschef weiter.

 

Eine Kooperation mit der Berliner Stadtmission

Deshalb versucht die S-Bahn Berlin in Kooperation mit der Berliner Stadtmission seit Anfang des Jahres einen neuen Ansatz. Das Unternehmen investiert mit 65 000 Euro die Stellen von zwei mobilen Einzelfallhelfern. Wilhelm Nadolny und Sascha Sträßer nehmen Kontakt mit körperlich schwer gezeichneten und verwahrlosten Betroffenen auf und versuchen, ihnen Wege aus der Obdachlosigkeit aufzuzeigen.

Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten, koordiniert das Projekt. Er erklärt, dass die beiden Helfer sich vor allem denjenigen unter den geschätzt rund 8 000 obdachlosen Menschen in Berlin widmen, die sich selbst aufgegeben haben. Dazu gehören schwer Alkoholkranke ebenso wie Heroinsüchtige und psychisch Erkrankte, die oftmals „nur noch auf den Tod warten“.

 

100 bis 150 Obdachlose sind für gängige Hilfsangebote nicht mehr erreichbar

Doch wie können sie diese Hoffnungslosen erreichen? „Durch Aufmerksamkeit, Liebe und Zeit“, sagt der 29-jährige Sascha Sträßer. Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Berliner Stadtmission: „Das kann so schwer wie die Besteigung der Berge des Himalayas sein.“

Deshalb arbeiten die beiden mobilen Einzelfallhelfer nicht wie Streetworker, also Sozialarbeiter, die an Brennpunkten Hilfsangebote unterbreiten, sondern im direkten Kontakt mit dem – wie sie es nennen – Klienten. Rund 100 Stunden in einen Hilfsbedürftigen zu investieren, sei dabei durchaus normal. „Diese Menschen haben meist jegliches Vertrauen verloren. Es ist schwer, überhaupt an sie heranzukommen“, so Dieter Puhl. Er geht davon aus, dass 100 bis 150 Obdachlose zu dieser Gruppe gehören, die durch die gängigen Hilfsangebote nicht mehr erreicht werden können.

 

Weil sich das Engagement lohnt

Der 30-jährige Wilhelm Nadolny, der seit 2012 bei der Bahnhofmission arbeitet und sich so sein Studium finanzierte, ist überzeugt, dass sich das Engagement lohnt. Er berichtet von einer Frau, die stark verwahrlost am Bahnhof Zoo lebte. Durch intensives Bemühen des Einzelfallhelfers konnte sie nicht nur in der Ambulanz für Obdachlose behandelt werden, sondern fand auch einen Platz in einer Notunterkunft. „Vom ersten Geld des Sozialamts kaufte sie eine Fahrkarte für die S-Bahn, Blumen für uns und besuchte ein Kino“, sagt Wilhelm Nadolny.

Vorerst sind die Stellen der mobilen Einzelfallhelfer für ein Jahr finanziert. Ende 2017 soll Bilanz gezogen werden. Eine Verlängerung der Kooperation könnte sich Sicherheitschef Jörk Pruss gut vorstellen. Auch Fahrgäste haben sich in Umfragen gewünscht, dass man sich um die abseits der Gesellschaft Stehenden kümmert und sie nicht einfach aus Zügen und Bahnhöfen verbannt.

 

Wenn Sie helfen möchten...

Wer auf hilfsbedürftige Menschen aufmerksam wird, wendet sich an Polizei oder Feuerwehr. Wer den mobilen Einzelfallhelfern eine Mitteilung machen möchte, ruft die Kundenbetreuung der S-Bahn Berlin unter der Rufnummer 030 297 43333 an.

 

 

Text: Claudia Braun
Foto: Santiago Engelhardt