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12.08.2010

Ring Geschichten - Sonnenallee

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Zwischen Hotel und Gewerbegebiet: Neukölln macht sich auf zu neuen Ufern

Das Estrel am Neuköllner Kanal
Die Sonnenallee – fast fünf Kilometer ist sie lang und eine Hauptverkehrsader im Südosten der Stadt. Der gleichnamige S-Bahnhof liegt ungefähr auf halber Strecke zwischen Baumschulenstraße und Hermannplatz.

Wer hier aussteigt, bemerkt unmittelbar einen außergewöhnlichen Kontrast, der die Gegend prägt: zwischen Hotel– und Vergnügungskomplex, Altmetallverladung sowie Kleingewerbe und Laubenkolonie.

Ganz deutlich sieht man, warum die Trasse der Ringbahn in Berlin auch häufig als Markierung für das Zentrum dient: Beim Blick nach Norden zeigt die Sonnenallee das Gesicht einer belebten Geschäftsstraße mit Citycharakter, in der südlichen Richtung macht sie eher den Eindruck eines Gewerbegebietes am Stadtrand.

Auch wenn der Name etwas anderes verheißt, die Straße steht nicht gerade für die Sonnenseiten Berlins, wenn man in die Geschichte zurückschaut.

Gebaut wurde die Sonnenallee um 1880 als „Straße 84“ im Rixdorfer Sumpfgebiet. Die Menschen sollten aufgenommen werden, die auf der Landflucht in Richtung Neukölln und Berlin strömten.


Die Gegend blieb auch in den nächsten Jahrzehnten ärmlich, und nach einem kurzen Boom während der Gründerzeit entstand schon 1930 auf der Sonnenallee an der Ecke zur Grenzallee eines der ersten Arbeitsämter in Deutschland, das noch heute in Betrieb ist.

Der Backstein-Bahnhof von seiner „grünen Seite“
Während der deutschen Teilung verlief die Mauer quer über die Straße. Ein nur 400 Meter langer Straßenabschnitt lag in der DDR.

Diese Kuriosität und das seltsame Leben im Grenzgebiet „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ haben Leander Haußmann und Thomas Brussig nach der Wende in Film und Buch beschrieben.

Die haben der Sonnenallee ein Denkmal gesetzt und sie endgültig berühmt gemacht. Gedreht wurde allerdings nicht am Originalschauplatz, sondern in der „Berliner Straße“ des Filmstudios Babelsberg.


Am längeren Ende der Sonnenallee im ehemaligen Westteil entwickelte sich seit den 1960er Jahren unter Zustrom von Gastarbeitern das multikulturelle Flair, das bis heute den Straßenabschnitt innerhalb des Rings bestimmt. Ob exotische Süßspeisen, Wasserpfeifen, Gemüse oder Kleidung angeboten werden, sehr viele Geschäfte haben zweisprachige Schilder und Anwohner nennen die Sonnenallee augenzwinkernd „Arabische Allee“.


Die geschäftige Innenstadtansicht der Sonnenallee
Die Tage der Teilung gehören längst der Vergangenheit an und fünf Jahre nach dem Mauerfall bekam das unmittelbare Umfeld des Bahnhofs Sonnenallee dann auch sein auffälligstes Gebäude: Europas größten Entertainment- und Hotel-Komplex, das Estrel.

Ein Hauch Las Vegas in Neukölln Seit seiner Eröffnung ist das Estrel ein Publikumsmagnet – ganz nach amerikanischem Vorbild eher eine eigene Stadt als ein Hotel.

Schließlich bietet es Berlinbesuchern nicht nur rund 2 000 Betten sondern auch verschiedene Restaurants, Bars und einen eigenen Schiffsanleger.

Dass es so verkehrsgünstig an der S-Bahnstation liegt, kommt jenen zugute, die gerne das Entertainment- Programm des Festival-Centers wahrnehmen. Die Doppelgänger-Show „Stars in Concert“ etwa läuft seit Jahren erfolgreich. Aber auch für ein Vergnügen ganz ohne Eintrittskarte wird im Bezirk etwas getan. Vor dem Estrel kann man die Bauarbeiten dazu beobachten. Ein Förderprogramm zum Stadtumbau soll für attraktive Freizeitflächen am Kanalufer rund um die Sonnenbrücke sorgen, hier entstehen unter dem Motto „Neukölln ans Wasser“ terrassenartige Anlagen mit Bänken, die bald zum gemütlichen Sonnenbad an der Sonnenallee einladen.

Der Bahnhof Sonnenallee im Wandel der Zeit

  • 1912 Eröffnung unter dem Namen Kaiser-Friedrich-Straße, zeitweilige Umbenennung in Braunauer Straße während der Nazizeit
  • 1961 wird wegen des Baus der Berliner Mauer die Strecke zwischen Sonnenallee und Treptower Park unterbrochen
  • 1980 Stilllegung des Bahnhofs im Rahmen des Streiks bei der Westberliner Eisenbahn
  • 1997 fährt die Ringbahn zwischen Treptower Park und Neukölln wieder – mit Halt in der Sonnenallee

Namensgebung – von düsteren Tagen zur Sonnenseite

Streng genommen lag der Bahnhof Sonnenallee an der Saalestraße. Dennoch musste er das Namenswechselspiel der großen Ausfallstraße mitmachen, die noch heute Namenspatin für die Ringbahnstation ist. Und die wurde durch die verschiedenen politischen Systeme hinweg öfter einmal umgetauft. Der erste Name der heutigen Sonnenallee – damals hieß sie lapidar Straße 84 – blieb dem Bahnhof noch erspart, denn bei seiner Errichtung war die Allee längst nach dem 99-Tage-Kaiser benannt worden. So wurde also zunächst der Bahnhof „Kaiser-Friedrich-Straße“ eröffnet. In der Zeit des Nationalsozialismus benannte man Straße und Bahnhof nach dem österreichischen Geburtsort Adolf Hitlers in „Braunauer Straße“ um. Erst nach dem 2. Weltkrieg erhielten beide dann den schönen Namen Sonnenallee, den sie bis dato tragen dürfen.

Fotos/Text: David Ulrich/Nina Dennert