26.8.2010
Ring Geschichten - Greifswalder Straße
„Moderne Zeiten“ an der Greifswalder
Wohnkonzepte, Gaslicht und Kulturpark – viele Trends haben Spuren hinterlassen
Gründerzeit trifft Plattenbau.Als der Ringbahnhof Weißensee, der heute Greifswalder Straße heißt, 1875 eröffnet wurde, stand bereits ein beeindruckender Gebäudekomplex in unmittelbarer Nähe.
Das riesige Betriebsgelände des Gaswerks IV mit den mächtigen gemauerten Gasometern zog ganz sicher den Blick der damaligen Ringbahn-Passagiere auf sich.
Es sollte über 100 Jahre ein Wahrzeichen für diesen Kiez, den Prenzlauer Berg, bleiben. In der Kaiserzeit paltzte die Hauptstadt aus allen Nähten.
Sämtliche Branchen siedelten sich in der größten Industriemetropole Kontinentaleuropas an, die Bevölkerung explodierte, bis 1877 entwickelte sich Berlin zur Millionenstadt. Moderne Techniken wurden dringend benötigt und hielten Einzug.
Die Wohnstadt „Carl Legien“ gehörtzum Unesco-Welterbe.
Zum Beispiel die öffentliche Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen. Dafür und für die Versorgung der zahlreichen Bewohner musste Brennstoff her. Deshalb ließ der Berliner Magistrat Gaswerke bauen. Das Gelände zwischen Greifswalder Straße und Communikationsweg – heute Danziger Straße – schien ideal für diese Zwecke.
Es lag noch weit nördlich der Stadt, aber verkehrsgünstig, am Güterbahnhof Weißensee des Rings, so dass die Anlieferung der benötigten Kohle problemlos möglich war. Die Bauarbeiten begannen 1871 und zwei Jahre später ging das Werk in Betrieb.
Es sicherte die städtische Beleuchtung und stellte zudem hunderte Arbeitsplätze. Kein Wunder, dass hier ein Haltepunkt für die personenbefördernde Ringbahn eingefügt wurde. Allerdings hatte das Gaswerk auch unerwünschte Auswirkungen.
Staub, Ruß und Abgase belasteten die Luft und damit die Gesundheit der Anwohner. Zwar hatte das Werksgelände zunächst außerhalb gelegen, doch schon um 1900 war die Bebauung bis zum Betriebund der Ringbahntrasse vorgedrungen.
Schnell machten sich die Fehler mangelnder Vorgaben für den Wohnungsbau bemerkbar. So hatte die Bevölkerung in Prenzlauer Berg, die schon die Emissionen des Gaswerks ertrug, auch noch unter der unmenschlichen Enge der Mietskasernen zu leiden.
Der Thälmann-Park am ehemaligen Gaswerk-Standort
Bereits in den 1920er Jahren entwarf Bruno Taut mit seiner Wohnsiedlung „Carl Legien“ an der Erich-Weinert-Straße einen modernen architektonischen Gegenentwurf zur üblichen Blockbauweise der Gründerzeit.
Statt enger dunkler Hinterhöfe plante er begrünte Innenhöfe und langgestreckte U-förmige Fassaden. Auch für die Energiegewinnung gab es bald neue Alternativen.
Man zog die Ferngasversorgung durch die Ruhrgas AG in Erwägung. Erste Pläne, das dann nicht mehr benötigte Gaswerk abzureißen, einen Park anzulegen und aus den tiefen Gasometern Wassersportbecken zu machen, wurden durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs gestoppt.
Als die Gasometer viel später, in den 1980er Jahren, zu Gunsten des Thälmann-Parks gesprengt wurden, waren die Proteste groß. Die Bauwerke wichen einem neuen Areal, dasals Renommierprojekt den üblichen Plattenbausiedlungen der DDR entgegenstand. Wohnen, Einkaufen und Erholung sollten hier miteinander verknüpft sein.
Neben den Wohnhäusern entstanden der Park mit dem Thälmann-Denkmal, eine Schwimmhalle und in ehemaligen Verwaltungsgebäuden des Gaswerks wurde das Kulturhaus eingerichtet.
Die Schaubude lässt Puppen für Kinder und Erwachsene tanzen.
Das Puppentheater „Schaubude Berlin“ etwa, das als Figuren- und Objekttheater mit eigener Spielstätte und kontinuierlichem Kinder- und Abendspielplan einzigartig in Berlin ist. Und das unabhängige Theater „Eigenreich“ im denkmalgeschützten Haus der ehemaligen VEB Treffmodelle.
Allerdings ist der Mietvertrag dieser Spielstätte im Rahmen des aktuellen Trends der Gegend – der Sanierung – gekündigt. Mit „60 Stunden Theater“, beginnend am 17. September um 12 Uhr, wird dem Haus und seiner Geschichte die „letzte“ Ehre erwiesen, bis am 19. September um Mitternacht die Pforten geschlossen werden.
Der Bahnhof Greifswalder Straße im Wandel der Zeit
- 1875 Eröffnung des Bahnhofs unter dem Namen „Weißensee“
- 1877 Umsteigemöglichkeit in die Pferdebahn, die vom Alexanderplatz nach Weißensee fuhr (heute Trasse der M 4)
- 1889 Verlegung an die heutige Stelle, östlich der Greifswalder Straße
- 1946 Umbenennung in Bahnhof „Greifswalder Straße“
- In den 80er Jahren Sanierung des Bahnhofs, Bau des Fußgängertunnels zur Tram-Haltestelle
- 1986 Umbenennung in Bahnhof „Ernst-Thälmann-Park“, 1993 Rückbenennung „Greifswalder Straße“
Namensgebung – öfter mal was Neues
Als alte Verkehrsachse und Handelsweg besteht die Greifswalder Straße, die einer eiszeitlichen Rinne folgt, schon seit dem Mittelalter. Das Fernziel in nordöstlicher Richtung, die Hansestadt Greifswald, ist Namenspatronin. So viel Kontinuität der Weg an sich hat, so wenig kann man allerdings in der Benennung finden. Zunächst nach dem näheren Ziel „Bernauische Landstraße“ oder „Vor dem Bernauischen Thore“ benannt, folgten „Chaussee nach Weißensee“ und „Vor dem Königs Thore“ bis endlich 1868 der heutige Name Greifswalder Straße eingeführt wurde. Kurze Zeit später begann das Benennungskarussell sich erneut zu drehen, diesmal für den Bahnhof, der insgesamt dreimal umbenannt wurde. Als nach der Wende auch der Thälmann-Park umgetauft werden sollte, hatten die Bewohner genug und sprachen sich in seiner Befragung für die Beibehaltung des Namens aus.
Fotos: David Ulrich
Text: Nina Dennert

