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25.8.2011

Auch auf den zweiten Blick: Der Kurs ist richtig

S-Bahn-Chef Peter Buchner zur Arbeit der von den Ländern eingesetzten Experten

Es ist nicht alltäglich, dass externe Experten so tiefen Einblick in ein Unternehmen erhalten. War das nicht unangenehm, so unter die Lupe genommen zu werden?

Peter Buchner: Nein, überhaupt nicht. Nach einem so langen Krisenzeitraum und zwei derart heftigen Einbrüchen im Winter ist es nachvollziehbar, dass die für den S-Bahnverkehr verantwortlichen Länder Berlin und Brandenburg sowie die Fahrgäste verunsichert darüber sind, ob die von uns seit Sommer 2009 eingeleiteten Maßnahmen auch wirklich die Probleme lösen werden. Wir haben den Ländern im vergangenen Winter ausführlich dargelegt, an welchen Fahrzeugproblemen wir mit welchen Maßnahmen arbeiten.

Da es sich um viele verschiedene technische Details handelt, fehlte unseren Bestellern natürlich das Fachwissen, um zu beurteilen, ob dies die richtigen Maßnahmen und die richtigen Themen sind. Dieses Beurteilungsvermögen haben die Länder sich in Form der Experten organisiert. Da wir selbst in den letzten beiden Jahren auch von der Vielzahl der Themen überrascht worden sind, haben wir es begrüßt, dass wir einen zweiten Blick von außen erhalten. Wir hatten und haben nichts zu verstecken. Seit wir als Geschäftsführung unsere Arbeit hier aufgenommen haben, richtet sich unser Handeln darauf, die volle Fahrzeugverfügbarkeit wieder herzustellen. Und das Urteil der Expertengruppe bestätigt unsere Arbeit: Die richtigen Maßnahmen, im richtigen Umfang, mit ausreichender Kapazität und der richtigen Umsetzungsstrategie – so lösen wir die Probleme.

Trotz der guten Nachrichten war erneut die Rede davon, im Winter den Betrieb nicht stabil aufrecht erhalten zu können.

Peter Buchner: Wir müssen sowohl für die Winter- als auch die Sommerstabilität unserer Fahrzeuge diverse Umbau- und Austauschprogramme bewältigen. Doch wir wollen und müssen für unsere Fahrgäste auch während der langwierigen Nachrüstungen der Fahrzeuge den bestmöglichen Fahrplan anbieten. Wir sind deshalb in einem ständigen Abwägungsprozess zwischen Fahrplanangebot einerseits und Instandhaltungsprogrammen andererseits. Die Expertengruppe unter Leitung von Herrn Nuszkiewicz hat uns bestätigt, dass der von uns gewählte Mittelweg auf fundierten Einschätzungen beruht und nachvollziehbar und angemessen ist.

Was genau müssen wir erwarten?

Peter Buchner: Nach den Erfahrungen in den letzten Jahren bestimmen bei den Fahrzeugthemen im Wesentlichen folgende Baugruppen die Fahrzeugverfügbarkeit und die Fahrplanstabilität unter extremen Winterbedingungen.

 

Die Fahrmotoren

Wir haben durch eine umfangreiche Analyse festgestellt, dass bei der zahlenmäßig größten Baureihe (BR) 481 nur eine vollständige Aufarbeitung der Fahrmotoren deren Ausfallrisiko bei Flugschnee längerfristig signifikant senkt. Das entsprechende Instandhaltungsprogramm läuft auf Hochtouren. Bis zum 1. Dezember können durch umfangreiche Anstrengungen ca. 450 von 500 Viertelzügen mit komplett überarbeiteten Motoren ausgerüstet werden. Bei den verbleibenden ca. 50 Viertelzügen besteht das Risiko eines erhöhten Fahrmotorenausfalls zu Winterbeginn leider noch. Dieses verringert sich dann von Tag für Tag, da wir konsequent weiter umrüsten. Also sagen wir ehrlich: Wenn es wieder so viel Flugschnee wie in den letzten beiden Wintern gibt, der Winter wieder mit großer Härte zuschlägt, machen wir uns um diese 50 noch nicht mit aufgearbeiteten Fahrmotoren umgerüsteten Viertelzüge Sorgen.

Der Antrieb

Bei der BR 481 haben wir das Problem, dass aufgrund der Luftkühlung der Antriebseinheit und deren konkreter technischen Konstruktion – die Luftansaugeinrichtungen befinden sich unter dem Fahrzeug, quasi direkt über dem Gleis – viel Schnee angesaugt werden kann und die Elektronik spätestens dann lahmlegt, wenn der Schnee in den Werkstätten taut. Wir begegnen dem, indem wir Filtermatten anbringen, um das Eindringen von Schnee zu mindern. Doch das ist und bleibt eine Hilfslösung. Wir können die Konstruktion des Fahrzeuges hier nicht grundsätzlich verändern und deshalb das Problem nicht grundlegend lösen. Wir haben nichts unversucht gelassen, um eine Lösung zu finden und zusammen mit dem Hersteller umfangreiche, teure Versuche in der Klimakammer in Wien durchgeführt. Das ist zum Beispiel ein auch im Expertenbericht ausgewiesener offener Punkt, für den es derzeit einfach keine technische Lösung gibt.

Die Sandstreueinrichtung

Durch das Sandausstreuen direkt vor den Rädern wird auch bei rutschigen Gleisen stets die nötige Bremswirkung erreicht. Nur wenn wir sicherstellen können, dass einerseits die Füllhöhe des Sandes im Vorratskasten ein Mindestmaß nicht unterschreitet (Sand also immer in ausreichendem Maß vorhanden ist) und andererseits der Sand bei Bedienung auch tatsächlich auf das Gleis fällt (also die Funktionsfähigkeit bestätigt ist und die Rohre nicht verstopft sind), können wir mit der derzeit zulässigen Fahrzeughöchstgeschwindigkeit von 80 km/h fahren.

Das derzeitig noch manuelle Prüfverfahren ist mit enormem technologischen Aufwand verbunden, so dass wir ca. 10 Viertelzüge nur für die Abwicklung der Sandprüfungen binden. Diese fehlen uns für den Fahrplan. Das Einfrieren der Sandstreurohre aber kann kein Prüfverfahren verhindern – hier hilft nur eine Heizung, also eine konstruktive Lösung. Dauerhafte Abhilfe ist also nur zu schaffen, wenn eine technische Einrichtung beide Aspekte absichert: Füllstandshöhe messen und Funktionsfähigkeit prüfen.

So eine technische Einrichtung gab es schlichtweg für die BR 481 nicht. Wir haben sie mit den Industriepartnern zusammen entwickelt, was für die Funktionskontrolle echte Pionierarbeit war. Diese gibt es nach unserer Kenntnis weltweit noch bei keinem Zug. Um keine Zeit zu verlieren, beginnen wir umgehend mit der Ausrüstung der Fahrzeuge und betreiben parallel das technische Zulassungsverfahren. So wollen wir sicherstellen, dass bis zum Winter so viele Züge wie möglich schon mit einer beheizten Besandungsanlage ausgerüstet sind. Auf die aufwändigen Sichtkontrollen können wir natürlich erst dann verzichten, wenn wir alle Züge ausgerüstet haben und das Zulassungsverfahren erfolgreich durchlaufen ist.

Für den Einbau der neuen Anlage haben wir uns externer Hilfe versichert, um das Programm schnellstmöglich umzusetzen. Bis Winterbeginn werden wir mindestens 250 von 570 Viertelzügen ausstatten können. Bei den restlichen maximal 320 Viertelzügen müssen wir uns bei einem Einfrieren der Besandungsanlagen bei extremen Witterungsbedingungen weiterhin mit Zwischenlösungen behelfen. Wenn die Besandungsanlagen eingefroren sind, dürfen die Züge nur mit maximal 60 km/h und vor Langsamfahrt oder Halt zeigenden Signalen mit zusätzlicher Geschwindigkeitsabsenkung fahren.

Die Absenkung der Geschwindigkeit ist auf etlichen Streckenabschnitten wie auf der Stadtbahn oder im Nord- Süd-Tunnel so gut wie nicht relevant, da dort aufgrund der Bedingungen (Halteabstände, zulässige Streckengeschwindigkeit u.a.) ohnehin maximal mit 60 km/h gefahren wird. Doch auf anderen Abschnitten wie z.B. der S 25 im eingleisigen Abschnitt nach Hennigsdorf kann der Fahrplan gar nicht mehr eingehalten werden. Wir werden, wenn es die Wetterbedingungen erfordern, die schon ausgerüsteten Züge gezielt auf der S 25 und der S 7 einsetzen. Die S 7 genießt auch deshalb hohe Priorität, weil die S-Bahn während der Totalsperrung der Fernbahngleise im Grunewald und der Bauarbeiten an der Avus die Fahralternative nach Potsdam sein wird.

Bei den zu Winterbeginn noch nicht umgerüsteten 320 Fahrzeugen müssen wir im Fall der Fälle jedoch mit der Absenkung der Fahrzeuggeschwindigkeit auf maximal 60 km/h umgehen. Dafür entwickeln wir operative Regelungen, werden aber im kommenden Winter keinen vorsorglichen 60 km/h- Fahrplan einführen. Kurzum: alle Arbeiten sind aufgenommen, aber bis zum Winter leider nicht vollständig abzuschließen. Die Instandhaltungsprogramme werden uns noch im ganzen Jahr 2012 beschäftigen. Parallel arbeiten wir auch an Verbesserungen für andere typische Winterprobleme der Züge, wie z.B. die häufig vereisten Türen, doch ich wollte mich hier auf einige Beispiele beschränken.


Mehr Informationen zu den Abschlussberichten der Arbeitskreise "Fahrzeuge" und "Infrastruktur S-Bahn":

Gutachter bescheinigen S-Bahn professionelle Arbeit (11.08.2011)

Fotos: David Ulrich